Pädagogische Grundhaltungen und Prinzipien

Schutzraum und Parteilichkeit

Wissend um die vielfältigen Gewalterfahrungen der Mädchen soll die Wohngemeinschaft in erster Linie einen Schutzraum darstellen. Hierzu benötigen die Mädchen die Abgeschiedenheit von sie bedrängenden und beängstigenden Einflüssen. Sie brauchen eigene, sichere Räume, in denen sie sich frei und ohne Angst bewegen können.

Parteilichkeit heißt für uns, Wünsche und Bedürfnisse der Mädchen ernst zu nehmen, ohne die Auseinandersetzung mit der Realität zu vernachlässigen. Wir setzen klare Grenzen und wollen die Mädchen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung bestärken, indem wir konsequent auf ihrer Seite stehen, individuell und prozessorientiert handeln.

Wertschätzung

Die Mädchen kommen mit Problemen und vielfältigen Symptomen belastet in die Wohngemeinschaft. Unser Hauptanliegen in der Betreuung ist es, für die Mädchen einen Ort zu schaffen, an dem sie Sicherheit und Struktur erfahren und in einer Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung, Wärme und Anerkennung tragfähige Beziehungen aufbauen können. Es geht darum, den Mädchen zu signalisieren, dass Fehler passieren dürfen, die BetreuerInnen gerade dann, wenn es schwierig wird, an ihrer Seite bleiben und sie trotz Fehler und Schwierigkeiten angenommen und wertgeschätzt sind.

Ressourcenorientierung und Eigenverantwortung

Eine unserer wesentlichen Aufgaben sehen wir darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen es möglich ist, Ressourcen und Stärken sichtbar und spürbar zu machen, ein positives Selbstwertgefühl zu entwickeln und Alternativen zu bisherigen Verhaltens- und Sichtweisen zu finden. Damit soll eine größtmögliche Selbstständigkeit der Mädchen erreicht werden. Gleichzeitig ist es auch wichtig, für eigene Ängste und Schwächen aufmerksam zu sein, um sich als gesamte Persönlichkeit verstehen, wahrnehmen und auch annehmen zu lernen. Damit dies möglich wird, braucht es von allen Seiten die Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Partizipation und Selbstwirksamkeit

Möglichkeiten zur Beteiligung an Planungs- und Gestaltungsprozessen fordern die Mädchen heraus, sich zu überlegen, was wichtig für sie selbst und die Gemeinschaft ist. Sie sind Motivation, sich aktiv für etwas oder jemanden einzusetzen. Somit erleben sich die Mädchen als selbstwirksame Menschen, die für getroffene Entscheidungen auch Verantwortung übernehmen können.

Elternarbeit

Wir wollen und können nicht den Platz von Eltern einnehmen bzw. als deren Ersatz wirken. Eine solche Rollenübernahme würde der Beziehungswirklichkeit unserer Arbeit nicht entsprechen und wäre nicht zielführend. Eltern sind auch während der Fremdunterbringung sehr wichtig für ihre Kinder und tragen weiterhin Verantwortung für sie. Unser Anliegen ist es, die Eltern in dieser Verantwortung ernst zu nehmen und unterstützend zu wirken, damit sie ihren Platz ein- und annehmen können.

Freiwilligkeit

Die Aufnahme und der Aufenthalt in der Einrichtung ist grundsätzlich an die freiwillige Entscheidung des Mädchens gebunden. In der Konsequenz bedeutet dies, dass kein Mädchen auf Anweisung Dritter gegen ihren Willen festgehalten wird. Gleichzeitig ist in der Praxis immer wieder festzustellen, dass der Verbleib in der Wohngemeinschaft auch aus dem Fehlen von Alternativen resultiert, bei vielen Mädchen die einzige Wahl die "Straße" wäre und deshalb entsprechend versucht wird, die Jugendlichen trotz „Auszugswunsch“ zu halten.